Buchhandlung im Weihnachtskleid

Eine Geschichte über Engel, Dämonen und zu viel Dekoration

Die reich geschmückte Buchhandlung
Die Buchhandlung war kaum wiederzuerkennen.

„Heiliges Kanonenrohr!“ Crowley war in der Tür der Buchhandlung stehen geblieben und schaute sich mit offenem Mund um. Seine Einkäufe hatte er beinahe fallen lassen. Er war sprachlos. Das kam selten vor.

Aber das Bild, das sich ihm bot, war schlicht überwältigend. Von außen hatte nichts darauf hingedeutet, was ihn hinter der Tür erwarten würde. Er schloss die Augen und atmete tief durch. Dann öffnete er sie wieder.

Das Bild war unverändert: Um jede Säule wanden sich Girlanden aus Stechpalmenzweigen und Efeu, verschwenderisch verziert mit roten Schleifen, Glocken und goldenen Kugeln. An den Schmalseiten der Bücherregale hingen prachtvolle Kränze, die das grün-rot-goldene Motiv konsequent fortsetzten.

Auf fast jedem Möbelstück lagen üppig mit weihnachtlichen Motiven bestickte Decken, die Schalen darauf vollendet komponiert: Große und kleine, mit goldenen Ornamenten reich verzierte Glaskugeln, mit Nelken gespickte Orangen, künstlich beschneite Zweige, in denen altmodische Glasvögel saßen, duftende Potpourris, Nüsse, kandierte Früchte… und das war nur das, was Crowley von der Tür aus sehen konnte.

Er stellte die Taschen auf den Boden und legte Mantel, Mütze und Handschuhe ab. Dann drang er vorsichtig weiter in den Raum vor, die Füße so behutsam setzend wie auf vermintem Gelände.

„Du bist ja schon wieder da, Liebling.“ Aziraphale war hinter einem der Bücherregale aufgetaucht und küsste ihn zur Begrüßung. „Ich dachte, du würdest länger brauchen.“

Crowley betrachtete den Engel, über dessen Schultern ein breites rotes Samtband mit goldenen Quasten hing, das ihn aussehen ließ wie den König in einem zu bunten Märchenfilm. Einen König mit einem kleinen Schmollmund.

Aziraphale mit rotem Samtband

„Du hast dekoriert!“, sagte Crowley matt.

„Ich hatte gehofft, dich hiermit überraschen zu können.“ Dabei drehte sich der Märchenkönig kokett einmal um sich selbst. Das Samtband flatterte um ihn herum. „Das hast du!“, antwortete Crowley, wobei er leicht geistesabwesend nickte.

„Überrascht bin ich“, setzte er nach einer Pause hinzu. „Wirklich!“ Aziraphales Lächeln war nicht ganz ungetrübt. „Ich wäre gern fertig gewesen, bevor du zurück bist“, erklärte er leise.

Crowleys Antwort hatte seine Lippen verlassen, bevor er darüber nachdenken konnte: „Das ist noch gar nicht alles?“, fragte er mit weit aufgerissenen Augen.

„Du Idiot, du Ober-Idiot!“, schimpfte sein innerer Zensor ihm direkt ins Ohr. Schnell schob er hinterher: „Es sieht jetzt schon sehr vollständig aus – und sehr weihnachtlich!“

Aber es war zu spät: Das Strahlen des Engels war erloschen. Er nahm Crowley die Einkaufstaschen ab und ging wortlos mit ihnen in die Küche.

Die Reaktion des inneren Zensors war zu harsch, um sie hier zu wiederholen. Es muss genügen, zu sagen, dass Crowley das nicht laut ausgesprochen hätte – jedenfalls nicht in Hörweite seines Engels.

Leise fluchend eilte er ihm nach. „Engel, warte!“ Er trat hinter Aziraphale, der gerade wahllos die Einkäufe in den Kühlschrank stopfte. Crowley versuchte, sich einzuprägen, dass er die Tomaten, das Brot und die Konservendosen nachher wieder herausnehmen wollte.

Er legte seine Arme um Aziraphales Hüfte und seinen Kopf auf seine Schulter, wo die weißgoldenen Locken ihn in den Ohren kitzelten. „Bitte entschuldige, Engel“, schnurrte er direkt an seinem Ohr. „Deine Deko ist wunderschön und sehr geschmackvoll.“

Beides stimmte, auch wenn ihm persönlich ein Zehntel davon völlig reichen würde. „Ich bin ein Banause“, fügte er reumütig hinzu. Er drückte sanfte Küsse in Aziraphales Nacken. „Ich bleibe ein gefühlloser Dämon, fürchte ich“, bot er als Kapitulation an.

Der Engel drehte sich in seinen Armen um. „Blödsinn“, flüsterte er. „Du hast mehr Gefühl im kleinen Finger als Michael oder Uriel im Herzen.“ Er drückte einen Kuss auf die sommersprossige Nasenspitze und legte seine Hand um Crowleys Wange.

„Ich müsste ja inzwischen wissen, dass du in Sachen Dekoration eher ein Asket bist“, seufzte er. „Soll ich einen Teil wieder abnehmen?“ Er hob die Hand, bereit, das Angebot mit einem schnellen Wunder in die Tat umzusetzen, zögerte aber noch.

„Ich dachte nur, weil wir doch im September gesagt hatten…“ Crowley brachte ihn mit einem Finger auf seinen Lippen zum Schweigen.

Er war wirklich ein Trampel. Der Engel hatte natürlich vollkommen recht – er hatte ihm ausdrücklich freie Hand beim Advents- und Weihnachtsschmuck versprochen. Im Gegenzug hatte Aziraphale sich (fast) jeden Kommentar zu Crowleys Halloween-Dekoration verkniffen.

Der Dämon hatte sogar schon im September beginnen dürfen und hatte viel Zeit und Geld in seine ganz private Geisterbahn investiert. Die Kinder und Jugendlichen der Nachbarschaft hatten es ihm mit häufigen Besuchen und großer Begeisterung gedankt, obwohl einzelne Eltern bei Aziraphale ihr Befremden über einige der „spezielleren“ Objekte geäußert hatten.

Der Engel hatte sich ihm zuliebe sogar als Grusel-Clown verkleidet und mit ihm (und mit wachsender Begeisterung) ihre jungen Besucher erschreckt. So manches „Trick or Treat“ war auf den Lippen vermeintlich abgebrühter Teenager erstorben, wenn der Clown einen der blutunterlaufenen Augäpfel mit seiner roten Nase vertauschte. Crowley lächelte. Für ihn war das einer der schönsten Abende des Jahres gewesen.

„Vergiss es, Engel. Das Versprechen gilt: Freie Hand!“, versicherte er ihm reumütig. „Ich war nur überrascht. Soll ich nochmal losgehen? Damit du erst alles fertig machen kannst?“, bot er an.

Aziraphale schüttelte den Kopf. „Nein, das brauchst du wirklich nicht.“ Nachdenklich sah er sich im Laden um. „Eigentlich reicht es auch“, sagte er. „Vielleicht noch eine Girlande und ein Kranz für die Wohnung und einer draußen an die Ladentür, dann ist es genug.“

Auch Crowley sah sich um. Hinter einem der Bücherregale entdeckte er drei aufeinandergestapelte große Kisten, die noch völlig unberührt aussahen.

„Und was ist mit denen?“, fragte er.
„Ach, nichts“, wehrte der Engel ab. „Das können wir auch nächstes Jahr noch aufbauen, es ist ja wirklich alles sehr viel.“ Er wandte sich ab und begann, offene Kartons zu verschließen und herumliegende Deko wieder einzupacken.

„Stopp, Engel! Stopp!“ Crowley eilte ihm nach. Nun stand er vor ihm und hielt seine Hände fest. „Ich wollte dir den Spaß nicht verderben. Ich bestehe darauf, dass du alles so aufhängst und aufbaust, wie du es geplant hattest.“

Er sah verschiedene Emotionen und Gedanken sich auf Aziraphales Stirn abwechseln und wartete auf die Antwort.

„Sogar die Eisenbahn?“, flüsterte der Engel schließlich hoffnungsvoll.
„Ganz besonders die Eisenbahn“, versicherte ihm Crowley. „Wie wäre es, ich mache uns was zu essen und nach dem Essen helfe ich dir mit der restlichen Deko?“

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Hätten Passanten an diesem Abend durch die Schaufenster beobachtet, was in der hell erleuchteten Buchhandlung vor sich ging, hätten sie zwei Männer mittleren Alters gesehen, die selbstvergessen am Fuß eines großen, mit nostalgischem Kinderspielzeug geschmückten Tannenbaums auf dem Boden saßen und spielten.

Die Modelleisenbahn

In einer großzügigen Schleife um den Baum herum verliefen Gleise, auf denen eine große bunt bemalte Holzlokomotive einen fast endlosen Schwanz von ebenso farbenfrohen Waggons hinter sich herzog. Aus ihrem Schornstein stieg echt wirkender Dampf auf und die Geräusche glichen in allem denen einer echten Dampflok, nur deutlich leiser.

Der blonde Mann bestückte die Güterwaggons mit Ladung, die er bei einer der nächsten Runden geduldig wieder entlud, tauschte Wagen aus, wechselte zwischen den Beleuchtungsarten, ließ den kleinen hölzernen Lokführer die laute Pfeife betätigen, wenn wieder „irgendwer“ ein Auto oder eine hölzerne Kuh mitten auf die Gleise gestellt hatte, stellte Weichen um und stand zwischendurch auf, um die Schallplatte umzudrehen oder auszutauschen, die sich auf dem altmodischen Grammophon drehte und Weihnachtslieder spielte.

Gelegentlich belud er einen Waggon statt mit hölzernem mit alltäglicherem Stückgut: Weintrauben, Grissini, ein paar Stückchen Käse, die stets verschwunden waren, wenn der Zug das nächste Mal vorbeischnaufte. Und manchmal kam ein leeres Weinglas bei ihm an, das er pflichtschuldig wieder befüllte, bevor er es auf die Rückreise zu seinem Mitspieler schickte.

Der Rothaarige lag auf der anderen Seite des Baumes, den Kopf auf den aufgestützten Armen und beobachtete mit einem breiten Lächeln und leuchtenden Augen den in sein Tun versunkenen Buchhändler.

Hin und wieder stibitzte er etwas von der Ladung oder er mogelte eine der edlen Pralinen dazu, die er vorher vom Einkaufen mitgebracht hatte. Ein andres Mal ließ er aus dem Nichts berittene Wegelagerer auftauchen, die dem Zug auflauerten, um die Postsäcke zu rauben. Er ließ sich jedoch von dem milde tadelnden Blick des Engels umstimmen, der sagte: „Also wirklich! Ausgerechnet der Wilde Westen?“

So sangen die Wegelagerer stattdessen bei „Kommet ihr Hirten“ den Refrain mit und verschwanden so spurlos, wie sie aufgetaucht waren. Nur ein einziges Mal ließ er den Zug entgleisen und genoss Aziraphales – durchaus nicht engelhafte — Schimpfkanonade.

Später am Abend machten die beiden Männer es sich – immer noch am Boden – mit Decken und Kissen bequem. Der Blonde lehnte an einem Bücherregal, der Rote hatte sich vor ihm ausgestreckt und den Kopf in seinen Schoß gebettet.

Sie betrachteten den Weihnachtsbaum und machten sich gegenseitig auf die verschiedenen Figuren aufmerksam. Immer wieder entdeckten sie neue Details. Und zwischendurch küssten sie sich.

Das ging aber keinen Passanten etwas an. Außerdem hätte ein zufälliger Zeuge vom Bürgersteig aus und durch die leicht beschlagenen Scheiben gar nicht erkennen können, dass die drallen Engelchen im Baum den Männern zuwinkten, Kusshändchen warfen, kokett mit ihren Flügelchen flatterten oder anzüglich mit dem Po wackelten.

(Der echte Engel sah großzügig darüber hinweg.) Und erst recht konnte niemand sehen, dass der Engel ganz oben, auf der Spitze des Baums, schwarze Flügel hatte.

Und rote Haare.

Der Engel auf der Baumspitze