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Das Licht der Fantasie - Gedanken zu Pratchetts Scheibenwelt

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(Roman von Terry Pratchett - Piper 2015 - Aus dem Englischen übersetzt von Andreas Brandhorst)


„Hier ist der Weltraum mit seiner samtenen Schwärze, in der Myriaden Sterne wie Diamantenstaub funkeln. Oder wie sehr weit entfernte große Kugeln aus explodierendem Wasserstoff, wie manche Leute behaupten würden. Aber die Leute behaupten die verrücktesten Dinge.“

So beginnt ein kurzer Abschnitt, in dem die Leserin erfährt, wohin Groß-A’Tuin (die kolossale Sternenschildkröte, die Pratchetts Scheibenwelt durch ihr Universum trägt) unterwegs war. Diese drei Sätze tragen nichts zur Handlung bei, so wenig wie zahllose andere in diesem Buch. Sie dienen auch nicht der Beschreibung des Settings oder der Charakterisierung einer Figur. Dennoch sind sie nicht funktionslos – sie erscheinen mir sogar typisch für dieses Werk und für diesen Autor.

Eine selbstbewusste Meinung, wenn man weiß, dass dies erst der zweite Scheibenwelt-Roman ist, den ich gelesen habe (nach "Die Farben der Magie"), und davor „Das Gute Omen“, das Pratchett gemeinsam mit Neil Gaiman geschrieben hat. Aber in diesem Blog geht es immer um Leseerfahrungen und um meine Gedanken zu Büchern. Auch wenn ich in das Scheibenwelt-Universum bisher nicht so tief eingetaucht bin, habe ich Vergleiche. Besonders drängt sich mir der Vergleich zu den Zamonien-Geschichten von Walter Moers auf. Beide Autoren stehen für eigenwillige Fantasy (ich nenne sie gerne „schräg“ oder „abgedreht“, beides ist absolut liebevoll gemeint), ausgefeilten Weltenbau und einen langen Atem bei der Erfindung absurder Plots und außergewöhnlicher Charaktere.

Während Moers dabei zahllose Lebensformen, Spezies und Figuren quasi aus dem Nichts zu erschaffen scheint, bedient sich Pratchett aus einem klassischen Figuren-Repertoire, das man aus Sagen und Märchen kennt, und gibt ihnen eine eigene Färbung. Neben den Menschen gibt es da u. a. Zauberer, Druiden, Zwerge, Trolle und sprechende Bäume. Unter den Menschen finden sich Helden (und Heldinnen!), all die mehr oder weniger liebenswerten Exemplare, die wir aus unserer eigenen Umgebung kennen, und die offenbar gar nicht so neue Gattung der „besorgten Bürger“. Die Welt, in der sie leben, ist jedoch in nichts weniger absurd als Moers‘ Zamonien. Intelligentes Birnbaumholz, Steincomputer, eine Unsichtbare Universität und die Scheibenwelt selbst, die von vier Elefanten getragen wird, die auf dem Rücken einer Schildkröte stehen, sind dafür Beweis genug. Die Fantasie, der das alles entspringt, ist mindestens genauso anarchisch und zügellos, die Sprache weniger gehoben, der Humor dafür eindeutig britisch.

Aber Pratchetts Bücher genügen sich nicht selbst, sie halten eine engere Verbindung zu unserer guten alten Welt und sie haben etwas zur modernen Gesellschaft zu sagen. Ich habe beim Lesen den Eindruck: Kein Satz steht da grundlos, jeder hat eine Funktion, die mit der eigentlichen Handlung gar nichts zu tun haben muss. So wie bei den drei einleitend zitierten Sätzen. Man könnte glauben, dass Pratchett hier kurz der Versuchung von Kitsch und abgenutzten Metaphern erliegt … und zack – fliegt einem ein boshafter Kommentar um die Ohren. Ein Kommentar, der geschrieben wurde, bevor „Fake News“ als politischer Kampfbegriff in den Abendnachrichten auftauchte.

Diese immer wieder aufblitzende gesellschaftspolitische Hellsichtigkeit hat wesentlichen Anteil an meiner Faszination für Terry Pratchett. Zusammen mit seiner Menschlichkeit und seiner offensichtlichen Sympathie für die Erfolglosen, die Verkannten und die Außenseiter macht sie ihn zu einem meiner Lieblingsautoren.

In „Licht der Fantasie“ erscheint ein neuer Stern am Himmel der Scheibenwelt. Er wird immer größer und bedrohlicher, überstrahlt mit seinem roten Licht bald die Sonne, lässt die Temperaturen ansteigen und die Weltuntergangsbefürchtungen blühen. Bald formiert sich eine Bewegung, die die Magie für all das verantwortlich macht. Zauberer, Zwerge und andere „magische Spezies“ werden vertrieben und verfolgt, Bücher verbrannt und alles, weil der rote Stern das angeblich erwartet. Innerhalb kurzer Zeit wächst diese Bewegung besorgniserregend an, in den Städten und Dörfern gibt es nur noch „verrückte Sternenleute“, alle anderen sind in die Berge geflohen und streiten sich um die Plätze mit der besten Aussicht. Als der Tourist Zweiblum fragt, woher die Verrückten bloß alle kommen, erhält er die folgende Antwort:

„In jedem normalen Menschen liegt ein Irrer auf der Lauer. […] Niemand schnappt schneller über als ein ganz gewöhnlicher Bürger.“

Ist das nicht exakt der Eindruck, der sich aufdrängt, wenn man sich viele der aktuelleren Entwicklungen hier und anderswo anschaut?

Zurück zu meiner Lesegeschichte: Ich hatte diesen Roman im Mai schon einmal begonnen und ihn etwa nach der Hälfte abgebrochen, weil ich zwischen all den Figuren die Orientierung verloren hatte. Kurz darauf habe ich noch einmal von vorne begonnen. Zu Ende gelesen habe ich ihn erst jetzt nach einer Woche Urlaub in nur einem Tag. Erst jetzt habe ich verstanden, warum er mich im ersten Anlauf überfordert hat: Es ist die Dichte. Mein eigentliches Problem war nicht die Anzahl der Figuren oder die der Handlungsstränge. Ich war einfach nicht aufnahmefähig genug für einen Text, der sich anspruchslos und unterhaltsam gibt, in Wirklichkeit aber Aufmerksamkeit für jeden einzelnen Satz fordert. Das konnte ich nun – mit einem etwas erholteren Geist – endlich würdigen. Und nun weiß ich auch, dass dies nicht meine letzte Reise in die Scheibenwelt war.

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