(Roman von Nelio Biedermann - rowohlt 2025)
Als ich das Buch aus der Tüte mit den Leseempfehlungen einer Freundin zog, dachte ich wegen des stolzen Pferdes auf dem Cover zunächst, „Lázár“ sei der Name des Pferdes oder vielleicht eines Gestüts. Damit habe ich schon verraten, dass dieses Buch aus dem Jahr 2025 ohne diese Empfehlung vermutlich an mir vorübergegangen wäre. Ich habe nichts darüber gewusst, hatte keine Erwartungen, auch nicht an den Autor.
Die euphorischen Zitate von Rezensenten und Schriftsteller-Kollegen auf dem Buchrücken sowie der ebenfalls wenig bescheidene Klappentext haben mehr meine Skepsis als meine Vorfreude geweckt. So wird die „Zeit“ zitiert mit „Der neue Zauberer… Ein großartiges Werk … ein außergewöhnlicher Schriftsteller.“ Ehrlich? Thomas Mann? Verdammt große Schuhe für einen 22-Jährigen, der mit Lázár gerade seinen zweiten Roman vorgelegt hat. Ob man ihm damit einen Gefallen tut? „Ein Roman wie eine Welt“, behauptet der Klappentext. Wer mich ein bisschen kennt, weiß, dass so viele Vorschusslorbeeren bei mir rote Lichter aufleuchten lassen.
Aber nach der Lektüre gebe ich zu: Es ist ein gutes Buch. Nelio Biedermann kann wirklich schreiben. Und er hat den Bogen über drei Generationen von Baron Sándor von Lázár im südlichen Ungarn zur Zeit des Habsburgerreichs bis zur Ankunft der Enkel im Schweizer Exil souverän geschlagen. Ähnlich wie schon „Als Großmutter im Regen tanzte“ hat auch dieses Buch durch seine Figuren ein Stück europäischer Geschichte für mich erfahrbar gemacht, von dem ich zuvor kaum eine Ahnung hatte. Ein Stück Geschichte, das mit unserer eigenen aufs Engste verwoben ist. Das mich aber auch zu Fragen bringt, die nicht auf Europa beschränkt bleiben.
Anders als Trude Teige schreibt Biedermann nicht journalistisch, sondern literarisch, mit oft erstaunlicher Präzision und Sprachbeherrschung. „Alles beginnt, sogar das Ende“, ist der Anfang des Klappentextes und das trifft. Immer wieder gibt es Bilder, die mich überzeugen, wie z. B. „Die Jahre kamen und gingen, zogen wie die Roma mit ihren Pferden und Zirkuswagen durch das Habsburgerreich, durch die im Donausumpf versinkende Monarchie.“ An anderen Stellen aber wird die bildhafte Sprache ausschweifend, ohne dass sie die Handlung oder die Figurenzeichnung voranbringt. Dort empfinde ich sie als Staffage, als überflüssige Demonstration des Sprachgeschicks, als bloße Schnörkel. Ähnliches gilt für die vielen Anspielungen auf und Erwähnungen von real existierenden Klassikern der Literatur.
Die Großeltern nehmen sich beide das Leben. Der Bruder Sándors wird über der Lektüre von E. T. A. Hoffmanns „Nachtstücken“ verrückt und alle männlichen Nachfahren befürchten, ebenfalls den Verstand zu verlieren, halten sich für schwach und feige, sind es vielleicht auch. Originell ist, wie sehr sich Charakterzüge und Handlungsweisen der Männer der Adelsfamilie über die Generationen ähneln und wiederholen, obwohl sie gar nicht voneinander abstammen. Haben die Frauen der Familie sich doch jeweils andere Männer ins Bett geholt. Die vermeintlich vererbten Gemeinsamkeiten scheinen mehr familiäre Prägung zu sein.
Kommen wir zurück zu dem, was mich an diesem Buch am stärksten beeindruckt hat: Der enthaltenen Geschichtslektion. Und wie schon angedeutet, hat diese Lektion mehr in mir ausgelöst als nur Erkenntnisse zur ungarisch-deutschen Geschichte. Aber zuerst zum Buch: Während der Niedergang der Habsburger für die Bewohner des Waldschlosses noch ein vor allem externes Geschehen bleibt, ist schon die nächste Generation direkt an den historischen Ereignissen beteiligt. Ungarn erklärt der Sowjetunion den Krieg, die ungarischen Soldaten und Besatzungstruppen begehen Gewalttaten in einem Ausmaß, dass die „befreite“ Zivilbevölkerung sich bald die Sowjets zurückwünscht. Dann fallen deutsche Divisionen in Ungarn ein, die neue Kollaborationsregierung beginnt mit der Deportation der jüdischen Bevölkerung. Sándors Sohn Lajos muss nicht kämpfen, er hat andere Aufgaben. Aufgaben, die es ihm lange erlauben, sich einzureden, dass er unschuldig ist, wobei er sich wünscht, mutiger zu sein.
„Lajos kümmerte sich um Organisatorisches.
Die Juden mussten erfasst, gekennzeichnet, entrechtet, enteignet und ghettoisiert werden.“
Erst als die letzten Juden in Zügen in die Vernichtungslager abtransportiert worden sind, gesteht er sich ein, dass sie sich nicht mehr aus eigener Kraft würden erheben und befreien können.
Später verliert die Familie Lázár alles – auf die Beschlagnahmung der Fahrzeuge für den Kriegseinsatz folgt die Enteignung. Erst nimmt man ihnen das Waldschloss, später auch das Stadthaus. Alles, was ihnen bleibt, ist ihr – nein, nicht ihr Stolz, sondern ihr Standesdünkel, die Manieren, die Bildung. Sonst haben sie nichts zu vererben, aber sie klammern sich an dieses Erbe, um damit ihre alte Rolle wieder auszufüllen, wenn sie irgendwann ihre Titel und ihren Besitz zurückerhalten.
Wir wissen, dass das nie geschah. Und so ist es die Enkelgeneration, die aufbricht, um in der Schweiz ein neues Leben zu beginnen, mit nichts als Hoffnung im Gepäck.
So weit, so gut. Was mich auch über die Lektüre hinaus umtreibt, ist jedoch nicht vorrangig das Schicksal des ungarischen Adels oder gar der Romanfiguren, von denen es keine bis in mein Herz geschafft hat (dafür reichen souveräne Sprachbeherrschung und Geschichtskenntnis offenbar nicht aus). Ich frage mich vielmehr: Warum weiß ich so gut wie nichts über die ungarische Geschichte, obwohl das Land als Teil Österreich-Ungarns quasi unser Nachbar war? Warum sagt mir zwar der Prager Frühling etwas, der Ungarische Volksaufstand dagegen so gut wie nichts? Dabei war er die deutlich größere Herausforderung für die sowjetische Herrschaft. Und seine Niederschlagung machte schon zwölf Jahre vor dem Einmarsch der Warschauer Pakt-Streitkräfte in die Tschechoslowakei unmissverständlich klar, dass die UdSSR nicht vor militärischer Gewalt zurückscheute, um ihre Kontrolle über Osteuropa aufrechtzuerhalten.
Wieso also dieses Ungleichgewicht in der Wahrnehmung der deutschen Öffentlichkeit? Vielleicht, weil Prag uns zwölf Jahre näher ist. Weil es mit dem Mai 68 zusammentrifft, den revolutionären Bestrebungen auch in Westeuropa. Weil Fernsehbilder aus Prag die Erinnerung bis heute regelmäßig wiederbeleben. Weil das Streben nach einem „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ dem geteilten Deutschland Hoffnung auf einen dritten Weg, einen Weg zwischen den Blöcken gemacht hat. Ja, mag sein.
Ich weiß es nicht. Ich bin keine Historikerin und – wie das heutige Beispiel zeigt – nicht einmal ordentlich historisch gebildet. Aber es gibt mir zu denken. Bis heute berühren uns Bilder stärker als Worte, Emotionen stärker als Fakten, persönliche Betroffenheit oder eigene Ängste stärker als reine Opferzahlen.
Die vielleicht größte humanitäre Katastrophe überhaupt betrifft gegenwärtig den Sudan: innerstaatlicher Krieg, Millionen Vertriebener, akuter Hunger, Krankheitsausbrüche und ein kollabierendes Gesundheitssystem. UNICEF rechnet mit 825.000 schwer akut mangelernährten Kindern unter fünf Jahren im Jahr 2026. Viele Millionen Menschen benötigen humanitäre Hilfe auch in der Demokratischen Republik Kongo, in Jemen und Afghanistan. Aber es sind nicht diese Bilder, die wir Abend für Abend in den Nachrichten sehen. Sie beherrschen nicht jeden Morgen die Titelseiten.
Manche Katastrophen scheinen uns näher zu sein als andere. Warum ist das so? Wann leiden wir mit? Braucht es geographische oder zeitliche Nähe? Reicht ein gemeinsamer Feind? Wie weit weg ist zu weit? Afrika? Gaza? Ungarn?
Ich muss es auch heute wieder schreiben, weil es stimmt: Dies ist kein politischer Blog und es soll auch keiner werden. Aber Storytelling ist nicht umsonst eine Marketing-Methode.
Wenn Geschichten uns daran erinnern, dass unser Mitgefühl und unsere Hilfsbereitschaft von vielen Faktoren abhängen, die nichts mit der Größe des Unrechts oder der Schwere des Leids zu tun haben, sondern mit Nähe, Öffentlichkeit und Sichtbarkeit, dann können sie viel bewegen. Geschichten sind und bleiben etwas, das Menschen auf der ganzen Welt verbindet. Achten wir gemeinsam darauf, dass wir die richtigen, die wichtigen Geschichten weitererzählen.
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