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Zwischen zwei Buchdeckeln zuhause

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Unterwegs mit Walter Moers durch Zamonien

Wer liest, ist reich. Das ist wahr – aus mehr als einem Grund. Einer dieser Gründe ist: Leser*innen steht nicht nur eine, nicht nur die vermeintlich einzige reale Welt offen. Lesend sind wir in vielen Welten zuhause.

In diesem Sinne war ich schon immer eine Weltbürgerin. Nachdem ich der Welt englischer Internate und deutscher Reiterhöfe entwachsen war, tummelte ich mich eine Weile an König Artus‘ Hof, in den unendlichen Weiten des Weltraums, als Muggel in der Welt der Zauberer und immer wieder in der irischen Anderswelt. Ungefähr zu dieser Zeit habe ich mich auch zum ersten Mal zwischen die Buchdeckel der Tintenwelt gelesen, die ich seitdem womöglich nie wieder so ganz verlassen habe. Bis heute fühle ich mich in vielen Welten zuhause. Seit diesem Jahr bin ich in bisher unbereisten Gefilden unterwegs: Ich folge dem Zauberer Rincewind und dem Touristen Zweiblum durch die Wunder von Terry Pratchetts Scheibenwelt.

Ich erinnere mich noch genau an meine erste Reise in eine andere meiner Heimatwelten, die besonders reich an einzigartigen Kreaturen, fremdartigen Orten und auf befremdliche Weise vertrauten Individuen ist: Zamonien.

Wir waren für ein Wochenende nach Clausthal-Zellerfeld gefahren und hatten in einer weit außerhalb gelegenen Pension eingecheckt. Ich wollte direkt zu einer Besichtigungsrunde starten, aber mein Freund wollte sich erst noch hinlegen, um sich von der Fahrt zu erholen. Widerwillig ließ ich ihn schlafen und setzte mich mit meinem rund 700-Seiten-Wälzer auf den riesigen Balkon: „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär.“ Ich weiß heute nicht mehr, wer oder was mich auf dieses Buch gebracht hatte, warum ich es gekauft oder von wem ich es vielleicht geschenkt bekommen habe. Ich weiß aber noch genau, wie schnell ich mich zwischen Buntbären, Zwergpiraten, Tratschwellen, Natifftoffen, Kakertratten und Eydeeten (die ihre Gehirne außerhalb des Schädels tragen) verloren hatte. Anfangs hatten meine missmutigen Blicke zum Bett noch das verpasste Sightseeing als Ursache. Bald suchten sie nach Anzeichen dafür, dass mein Begleiter wach wurde, damit ich ihm endlich die besten Stellen vorlesen konnte. Schließlich schreckte ich bei jedem Geräusch aus dieser Richtung mit dem Gedanken hoch: „Jetzt kann er gefälligst auch noch schlafen, bis ich mit dem Buch durch bin!“ Das tat er dann auch.

Seitdem habe ich jedes neue Zamonien-Buch von Walter Moers gelesen und viele davon geliebt, mit anderen dagegen bin ich gar nicht warmgeworden. Aber jedes einzelne Mal bin ich überwältigt davon, dass dem Autor der Vorrat an immer neuen, immer irrwitzigeren Ideen nie auszugehen scheint. Es kommt mir so vor, als würde sein Gehirn unbelastet von Naturgesetzen oder Wahrscheinlichkeiten und ohne jeden Filter unablässig neue Schauplätze, Spezies und Figuren ausspucken. Es ist diese spielerische Kreativität, die überbordende, ja anarchische Fantasie, die mich an Walter Moers immer wieder neu fasziniert. Als Leser*innen wollen wir mit von der Partie sein, wollen die Naturwunder, die Städte und die Touristenziele Zamoniens sehen. Wir wollen mit dem dichtenden Lindwurm in die Katakomben unter Buchhain hinabsteigen und in dieser Welt aus Büchern liebenswerten Buchlingen und gefährlichen Bücherjägern begegnen. Wir wollen all die ungewöhnlichen Helden und Antihelden auf ihren Abenteuern begleiten. Und Walter Moers nimmt uns nur zu gerne mit auf diese Reise.

Hin und wieder führt die Reise jedoch in Landstriche, die ich lieber unerforscht ließe. In diesen Gegenden ist vor allem der Wolpertinger Rumo unterwegs. Viele Leser*innen halten „Rumo und die Wunder im Dunkeln“ für einen der besten Zamonienromane und auch ich kann erkennen, dass er gekonnt gebaut und erzählt ist, dass seine Figuren im besten Sinne „typisch Moers“ sind. Aber Rumo führt uns in die Unterwelt, auf die dunkle Seite von Zamonien, eine düstere, beängstigende Welt voller Hinterlist und Gewalt. Und wenn Moers seine ungebändigte, ungehemmte, überschäumende Fantasie auf Entführung, Krieg und Blutvergießen anwendet, dann fühlt sich das plötzlich nicht mehr reich, wild, bunt und ungezähmt an, dann schlägt meine Begeisterung in Verstörung um. Für mich macht es einen Unterschied, ob ein Autor seine ungestüme Fantasie und seinen Humor verwendet, um eine Dichterklause oder das Labor eines Genies liebevoll und wortgewaltig auszuschmücken, oder ob er mit der gleichen Begeisterung und Spielfreude eine Folterkammer und die Instrumente darin beschreibt. „Rumo“ ist die Zamonien-Horrorstory. Und mir persönlich ging sie zu weit. Aber das ist nur das eine Buch in einem Werk, das mir eine ganze Welt geschenkt hat – und den dreistesten Cliffhanger, der mir bisher jemals begegnet ist. Der letzte Satz von „Das Labyrinth der träumenden Bücher“ nach zwei Bänden mit zusammen knapp 900 nervenaufreibenden Seiten nämlich lautet: „Hier beginnt die Geschichte.“

Vielleicht habt ihr Lust bekommen, selbst auch einmal durch Zamonien zu reisen? Für uns Bücherfreaks ist dann vielleicht Buchhain (Die Stadt der Träumenden Bücher) das beste Ziel für den Anfang und auch der Blaubär taugt noch immer als idealer Reiseführer auf diesem Kontinent. Wer sich nicht daran stört, wenn es auch mal richtig schräg wird, wird sich hier wohlfühlen.

PS: Im Frühjahr habe ich den neuesten Moers gelesen: „Qwert“. (Ich weiß nicht, wie man das spricht). Seitdem schiebe ich einen Blogbeitrag darüber vor mir her. Erst gestern ist mir klar geworden, warum: Ich wollte euch nicht von einer etwas langatmigen, wenn auch treffenden und lustigen Parodie auf einen Ritter-Schund-Roman erzählen. Ich wollte euch auf eine Reise mitnehmen in eine Welt, die mir eine literarische Heimat geworden ist. Auf eine Reise durch Zamonien – und das ist immer eine Weltreise.

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