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Der Buchhändler von Gaza

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(Roman von Rachid Benzine – Piper 2026 – Aus dem Französischen übersetzt von Andreas Jandl)


Lesen, um Mensch zu bleiben

Wann immer ich eine Buchhandlung betrete, scheine ich den Hut der kritischen Kundin am Eingang abzugeben, zusammen mit dem Hut der sparsamen Konsumentin. Als Buchkäuferin bin ich verführbar und vorhersehbar: Wenn der Titel sich auf Bücher, Bibliotheken, das Lesen oder Schreiben bezieht, bin ich interessiert. Dann braucht es nur noch ein ansprechendes Cover und einen nicht zu marktschreierischen oder kitschigen Klappentext, schon ist es um meine Zurückhaltung geschehen.

So gesehen ist es keine Überraschung, dass dieser schmale Roman von nur 128 Seiten es bei meinem letzten „Beutezug“ in den Stapel geschafft hat, mit dem ich die Kasse passiert habe: Der Buchhändler im Titel, jede Menge Bücherstapel auf dem Cover und ein Zitat aus meiner französischen Lieblings-Tageszeitung „Libération“ im Klappentext („Dieser aufwühlende Roman ist eine Hommage an die Menschen von Gaza, die alles verloren haben.“) Dazu das Gefühl, mich mit der aktuellen Situation im Gazastreifen endlich einmal über die abendlichen Nachrichten hinaus befassen zu müssen, und die Tatsache, dass dieses Buch in Frankreich zahlreiche Auszeichnungen bekommen hat. Das alles hat außerdem dazu geführt, dass ich den Roman gleich nach dem Kauf gelesen habe.

Seit der Lektüre schiebe ich aber den Blogeintrag dazu vor mir her, weil ich mir lange unsicher war, wie ich mit dieser hochpolitischen, kontrovers diskutierten und emotional aufgeladenen Thematik hier umgehen kann. Jetzt habe ich mich für einen Weg entschieden und ihr könnt mich gerne in einem Kommentar oder privat wissen lassen, wie es euch damit geht.

Der Autor Rachid Benzine ist ein prominenter Politologe und Islamwissenschaftler, aber „Der Buchhändler von Gaza“ bietet keine ausgewogene, wissenschaftliche Betrachtung der jüngeren Geschichte Gazas. Das ist auch nicht sein Anspruch. Benzine wählt stattdessen eine entschieden subjektive Sichtweise: ein französischer Fotojournalist trifft in einer Gasse von Gaza auf den palästinensischen Buchhändler Nabil, der ihm nach und nach sein Leben erzählt, immer wieder mit Bezügen zu Werken der Weltliteratur, aber schlicht im Ton, persönlich und emotional. Mir erscheint dieser Ansatz für ein so schwieriges Thema absolut legitim.

In einem Interview (bei Piper auf Französisch, auf Youtube auf Englisch mit französischen Untertiteln) beschreibt Rachid Benzine seine Herangehensweise so: Er habe sich die Frage gestellt „Was ist ‚ein guter Mensch‘ im Krieg?“ In einer Situation, in der die Einzelnen hinter Opferzahlen und aktuellen Berichten verschwinden, habe er der Bevölkerung von Gaza ihre Menschlichkeit zurückgeben wollen. Sein Roman solle auch zeigen, was Literatur uns geben kann, selbst wenn alles zusammenbricht.

Ein Buch über palästinensisches Leben in Gaza seit 1948 ist zwangsläufig politisch, so persönlich es auch angelegt ist. Mit der Vorbemerkung: „Dieser Roman bezieht sich auf Realitäten, wie sie in Gaza-Stadt vor dem 7. Oktober 2023 vorherrschten. Zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung ist Gaza-Stadt größtenteils zerstört, die Bevölkerung traumatisiert, vertrieben oder tot“ ist der Ton gesetzt. Benzine vermeidet jedoch erfolgreich, daraus eine vehemente Anklage und einen ideologischen Text zu machen. 

In Frankreich wurde der Roman von Kritik und Leser*innen sehr positiv aufgenommen, auch bei den deutschen Rezensent*innen habe ich mehr Lob als Kritik gefunden. Ich selbst habe das Buch als berührend empfunden. Die klare, eingängige Sprache macht es zu einer angenehmen Lektüre. Das geschilderte Schicksal, die persönliche Perspektive, die literarischen Bezüge und das erwartbare Ende geben den Leser*innen dennoch viel nachzudenken und zu „verdauen“.

Wenn ihr das Buch gelesen habt, schreibt doch mal in die Kommentare, wie es auf euch gewirkt hat.

Mein Geschichten-Blog ist nicht der Ort für eine politische Einordnung oder für eine ethische Positionsbestimmung. Er soll es nicht sein und könnte bei dem Versuch nur scheitern. Aber ich möchte Geschichten erzählen und auf Geschichten aufmerksam machen, die es verdienen, gelesen zu werden. Für mich ist „Der Buchhändler von Gaza“ eine dieser lesenswerten Geschichten. Benzine gelingt es hier, einen komplexen Konflikt an einem individuellen Schicksal erfahrbar zu machen. Damit erreicht er sein Ziel, die Menschen hinter den Schlagzeilen wieder sichtbar werden zu lassen.

Daran sollten wir uns ruhig ein Beispiel nehmen: Lasst uns nicht vergessen, dass hinter allen aktuellen Meldungen, hinter Schlagzeilen, politischen Debatten, Demonstrationen und Auseinandersetzungen menschliche Schicksale stehen – auf allen Seiten.

Und damit sind wir zurück bei der Frage, was Literatur selbst in Krisen und Katastrophen leisten kann. Dirk Fuhrig (Deutschlandfunk Kultur) hat seine Rezension mit der folgenden Bilanz beendet:

„Der Roman ist eine Beschwörung der Kraft von Literatur. So wie sich der Buchhändler entlang der Schicksalsschläge mit Lektüre aufrecht hielt, so sehr beschwört dieses Buch universelle Gemeinsamkeiten, die durch Lektüre, die Rezeption von Weltliteratur entstehen können. Ein Trostbuch über einen trostlosen politisch-kulturellen Konflikt.“ (5.4.2026)

Das trifft es ziemlich gut, finde ich. Die Kraft von Literatur und die Kunst, Mensch zu bleiben, gerade in unmenschlichen Zeiten – das sind für mich die beiden zentralen Themen dieses Romans. Er wird nicht das letzte Buch bleiben, das ich von Rachid Benzine lese.

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