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Welche Bilder prägen unsere Märchen?

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Märchenbilder im Kopf

Ein Märchenbuch ohne Bilder ist nicht wirklich vollständig, oder? Bei der Erwähnung eines bekannten Märchens sieht wahrscheinlich jede*r von uns sofort ein Bild vor sich, vielleicht sogar ein ganz konkretes. Der Froschkönig, die kleine Meerjungfrau, Schneewittchen, all diese Figuren verbinden wir mit Bildern. Für viele Jüngere mögen dabei die Darstellungen aus einem Animationsfilm die erste Reihe besetzen, bei mir sind es Bilder aus Büchern (Die Gänsemagd, Die Prinzessin auf der Erbse), von Schallplatten (Brüderlein und Schwesterlein) oder von Postkarten*.

Wenn Tradition nicht harmlos ist

Heute möchte ich jedoch weniger nostalgische Erinnerungen wecken, als vielmehr auf einen problematischen Aspekt vieler historischer Darstellungen von Märchenfiguren eingehen: Solche Bilder sind immer ein Produkt ihrer Zeit und damit oft eines bestimmten Welt- und Menschenbildes. Und damit sind wir schon ganz nah am Kern der Sache.

Sprechen wir zuerst über ein konkretes Beispiel: Die meisten von euch dürften schon einmal Arthur Rackhams Bild „Hansel and Gretel and the Witch on the doorstep of her cottage“ gesehen haben. Das auffallendste Merkmal der Hexe ist hier neben der gekrümmten Haltung die übergroße und gebogene Nase mit dem Höcker. Bei Handpuppen oder Marionetten zierte eine solche Nase nicht nur unzählige Hexen-, sondern auch ebenso regelmäßig Kasperle- und Räuberfiguren. Oft kommt auch die Variante einer „Adlernase“ mit schmalem Rücken vor.

Wer Thomas Hettches „Herzfaden“ (unbedingte Empfehlung!) gelesen hat, weiß längst, worauf ich hinauswill: Diese Nase ist kein harmloses traditionelles Merkmal lustiger oder böser Figuren. Sie ist ein Problem, denn sie zitiert antisemitische Stereotypen, deren Wurzeln bis ins Mittelalter und die frühe Neuzeit zurückreichen. Kulturwissenschaftler und Historiker stimmen heute mehrheitlich darin überein, dass die Hakennase in der westlichen Kunsttradition untrennbar mit antisemitischen Zerrbildern verknüpft ist.

Ich unterstelle nicht, dass jede*r Künstler*in, der*die dieses physiognomische Merkmal in einer Zeichnung, einem Gemälde oder einem Puppenkopf verwendet, schon des Antisemitismus verdächtig ist. Dennoch finde ich es erschreckend, wie tief solche Bilder bis heute in unserem kollektiven visuellen Gedächtnis verwurzelt sind.

Wenn alte Bilder weiterleben

Für problematisch halte ich dabei nicht die Reproduktion zeittypischer Illustrationen in einem antiquarischen oder musealen Kontext. Nahezu unfassbar finde ich dagegen, dass bis heute diese Stereotype in Spielzeug reproduziert werden. Solche Produkte werden zu allem Überfluss auch noch als „richtig gutes Spielzeug“ oder „pädagogisch wertvoll“ beworben! Puppentheater setzen solche Figuren weiterhin regelmäßig in ihren Aufführungen ein. Schon eine oberflächliche Internet-Recherche bringt dafür viele Belege. Das Beispiel, das ich hier auswähle, ist nur eines von vielen und ich will die Theaterleute damit nicht zur Zielscheibe irgendwelcher Vorwürfe machen. Noch einmal: Ich unterstelle keinem Puppenbauer und keiner Spielzeugproduzentin bewusste Böswilligkeit oder unethische Beweggründe. Das oben verlinkte Beispiel zeigt aber, dass wir für solche überlieferten und bildgewordenen Klischees immer noch nicht ausreichend sensibilisiert sind. Wahrscheinlich finden wir krumme „Hexen“-Nasen auch 2026 in fast jedem Katalog mit Faschingsartikeln…

Eure Gedanken

Ein einzelner Blog-Post kann die Auseinandersetzung mit diesem Thema nicht abschließend behandeln. Umso mehr interessieren mich eure Gedanken dazu. (Mir ist absolut bewusst, dass das kontrovers werden kann. Bleibt bitte trotzdem sachlich!) Natürlich finden sich in den Abbildungen alter und moderner Märchenbücher viel zu oft auch alle denkbaren Arten sonstiger Klischees. Über das Frauen- und Familienbild in Grimms Märchen wurden nicht umsonst ganze Bücher geschrieben! Erzählt gerne, was euch im Bilderkanon sonst noch stört, oder zeigt Bilder von guten oder schlechten Beispielen. Und noch eine Frage für die Kreativen unter uns: Wie würdet ihr das Böse in einer Märchenfigur bildlich darstellen? Natürlich ohne verletzende Stereotype zu reproduzieren!

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* Nebenbei bemerkt: Es gibt viele Postkartenbücher mit Märchenmotiven zu kaufen – wunderschön als Lesezeichen oder für einen kurzen Gruß an Buch- und Kunstliebhaber*innen. Einige Beispiele: zarte Aquarelle von Daniela Drescher zu Grimms und Andersens Märchen, historische Motive verschiedener Künstler, 10 Gemälde aus dem 19. Jahrhundert in einer Blechdose… 

Nicht unwichtig für mich: Sie erinnern uns daran, dass Disney, Pixar & Co. kein Monopol auf die Bebilderung unserer Fantasie haben sollten.

(Ich bin übrigens mit keiner der verlinkten Verlagsseiten oder Webshops irgendwie verbunden.)

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